Wer Rechtsanwaltsfachangestellte hört, denkt nicht unbedingt an Freiberuflichkeit. Doch ob mit oder ohne Festanstellung: Die Arbeit als Rechtsanwaltsfachangestellte ist anspruchsvoll, vielseitig und leider auch oft unterschätzt. Wie sieht der Alltag aus, wenn man diesen Beruf nicht nur an einem Ort, sondern als Freiberuflerin in mehreren Kanzleien ausübt? Unsere freie Mitarbeiterin Madeleine stand uns Rede und Antwort.

Seit wann bist du ReFa und was war deine Motivation, den Beruf zu erlernen?
Ich bin seit 2007 ReFa. Meine Motivation war in erster Linie mein Sohn. Bei meiner ersten Ausbildung zur Zahnarzthelferin wusste ich, dass das als alleinerziehende Mama mit Kleinkind problematisch werden könnte, da ein pünktliches Nach-Hause-Kommen erfahrungsgemäß eher schwierig war. Deshalb wollte ich mich umorientieren. Außerdem habe ich mich schon immer mehr im Büro gesehen und der Verdienst als ReFa im Vergleich zur Zahnarzthelferin hat mich ebenfalls motiviert.


Du warst einige Jahre festangestellt, seit geraumer Zeit bist du freiberuflich. Was hat sich für dich verändert, seit du freiberuflich arbeitest – im Vergleich zur Festanstellung?
Ich arbeite jetzt nicht mehr nur für eine Kanzlei, da das steuerrechtlich nicht machbar ist. Im Moment sind daher drei Kanzleien meine Auftraggeber. Verändert hat sich in erster Linie, dass ich mich ganz anders organisieren und motivieren muss. Als Festangestellter weißt Du, wann Du in der Arbeit sein musst und wann Du in der Regel nach Hause kommst. Jetzt muss ich mir meinen Tag selbst strukturieren. Das war anfangs ungewohnt aber man wächst hinein.
Ich bin aber auch flexibler geworden. Ich kann überwiegend selbst entscheiden wann ich wie arbeite oder wie ich meine privaten Termine lege. Verändert haben sich auch die Tätigkeiten. In einer Festanstellung ist man in den gesamten Kanzleiprozess eingebunden. Als Freiberuflerin bekomme ich meist gezielte Aufgabenpakete. Das ist sinnvoll, aber manchmal fehlt mir der Rundumblick, weil ich grundsätzlich gerne von allem etwas mache.

Mit welchen drei Worten würdest du deinen Beruf beschreiben?
Abwechslungsreich, anspruchsvoll und manchmal auch fordernd.



Welche Aufgaben übernimmst du besonders gern? Gibt es Dinge, die du lieber abgibst?
Ich schreibe gerne Rechnungen, telefoniere gerne, allerdings betrifft mich das Telefon durch die Selbstständigkeit nicht mehr wirklich. Ich rufe gerne die elektronische Post ab und diskutiere auch gerne z.B. mit der Versicherung. Ich mag die Dinge, die wir selbstständig erledigen können. Was ich am ehesten abgeben würde, ist die Zwangsvollstreckung. Die habe ich so selten, dass ich nicht richtig in der Routine bin.
Wie organisierst du dich, wenn du für mehrere Kanzleien gleichzeitig arbeitest?
Das kommt immer darauf an, welchen Bereich ich gerade in den Kanzleien mache. Ist es etwas Dringendes oder etwas, das gemacht werden muss, damit andere weiterarbeiten können, fange ich damit an. Oder ich teile es mir auf, bei wem die meiste Arbeit anfällt, dort geht es los. Das ist ja ganz gut abzuschätzen. Mit einer Kollegin, die Teilzeit arbeitet, versuche ich mich so abzustimmen, dass wir uns nicht überschneiden. Aber pauschal kann ich das nicht sagen. Die Prios verschieben sich immer wieder.
Gab es in deiner Laufbahn als ReFa einen besonders kuriosen oder herausfordernden Fall, der dir im Gedächtnis geblieben ist?
Keinen Fall. Aber eine Person ist mir in Erinnerung geblieben. Ein Mandant, der mich am ersten Tag in einer neuen Kanzlei – mein erstes Telefonat dort, total angeschrien und rund gemacht hat. Ich hatte noch keine Ahnung von den Abläufen und den Mandanten und war komplett überfordert. Normalerweise hätte ich in so einer Situation aufgelegt, aber am ersten Tag macht man das natürlich nicht. Später stellte sich heraus, dass er regelmäßig so ausfällig wurde. Ein kleiner Trost – aber ein Erlebnis, das sich eingebrannt hat.
Was würdest du deinem jüngeren Ich raten, wenn es gerade die Ausbildung zur ReFa beginnt?
- Kümmere dich um dein Berichtsheft! Es ist total nervig alles nachzuschreiben!
- Lass dich nicht durch äußere Einflüsse von Deinem Ziel ablenken.
- Fang nicht kurz vor knapp mit Lernen für die Abschlussprüfung an, dann musst du auch nicht 24/7 durchpauken.

Was würdest du jungen Menschen raten, die heute in den Beruf einsteigen?
Die Ausbildung eventuell eher in einer kleineren Kanzlei machen, da man in der Regel schneller in alles mit eingebunden wird und dadurch mehr und oft schneller etwas lernt.
Durchhalten (gilt für jeden Beruf)! Drei Jahre wirken in jungen Jahren oft so lange, aber rückblickend ist es dann doch schnell vorbei. Mach deine Ausbildung ordentlich, denn schon seit Jahren werden gute ReFas immer gesucht. Mittlerweile ist es wohl auch wichtig darauf zu achten, ob die Kanzlei technisch mit der Zeit geht, digital arbeitet und offen für Neues z.B. KI ist.
Was darf auf deinem Schreibtisch niemals fehlen?
Taschenrechner, Stifte, Zettel/Post-its bzw. Schmierzettel.

